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Andre Hertrich

andre hertrich

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Lebenslauf

seit Oktober 2008Kollegiat am IGK Halle-Tôkyô
2005 bis 2008Aufbaustudium Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg (Center for Conflict Studies)
2004 bis 2005Promotionsstipendium des Deutschen Institutes für Japanstudien in Tôkyô
2003 bis 2004Berufstätigkeit im Pharmabereich
2003Abschluss des Studiums der Neueren und neuesten, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Japanologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Grundschule und Gymnasium in München
1972Geboren in Unterseen

Dissertationsvorhaben

Soldatische Tradition und demokratische Werte in den Aufbaujahren der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte

Fragt man nach der militärischen Tradition der Kaiserlichen Armee und der Kaiserlichen Marine in den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften[1], ergeben sich zwei sehr unterschiedliche Befunde. Nach offizieller Lesart gilt die Gründung der SDF in den 1950er Jahren als militärischer Neuanfang ohne jeglichen Bezug zur japanischen Militärgeschichte vor 1945. In der Öffentlichkeit gibt sich die jieitai als "geschichtslose" Organisation, die Kontinuität von militärischen Tugenden und Werten wird dabei heruntergespielt oder gar negiert. Ein Generalleutnant a.D. des Heeres (GSDF) erläuterte in einem Interview: "Das Jahr 1945 stellte eine Wasserscheide dar. Die Kaiserliche Armee hörte auf zu existieren und die Nachkriegs-Selbstverteidigungsstreitkräfte sind eine vollständig neue Organisation."
Betrachtet man jedoch die Historischen Museen (shiryôkan) der SDF, die sich in Kasernen und auf Stützpunkten befinden und zu denen die Öffentlichkeit meist nur eingeschränkt Zugang hat, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dort bezeugen Uni-formen, Fahnen oder Waffen der Kaiserlichen Armee oder Marine die über siebzig-jährige, wechselvolle und kriegerische Geschichte des japanischen Militärs. Häufig werden kriegerische Leistungen aus der japanischen Militärgeschichte bis 1945 unkritisch dargestellt, wenn nicht sogar glorifiziert. So etwa dienen ausgestellte Abschiedsbriefe junger kamikaze-Piloten dazu, diese als unverzagte, mutige und entschlossene Soldaten zu präsentieren, die sich aus Loyalität zum Tenno auf feindliche Schiffe stürzen möchten. Diese positive Darstellung der Tugenden aus der Kriegszeit zeigen, dass auch weiterhin soldatische Leitbilder Gültigkeit besitzt, die nur schwerlich mit bürgerlich-demokratischen Idealen in Einklang zu bringen ist.
Als Erinnerungsorte verbinden diese historischen Sammlungen das japanische Nachkriegsmilitär über die Zäsuren von Kriegsniederlage, Demilitarisierung und Wiederbewaffnung hinweg mit den Vorgängerinnen. Indem sie das Erbe der Kaiserliche Armee und Marine bewahren und überliefern, dienen sie der militärischen Traditionspflege in der SDF.
Der Begriff der Tradition umfasst sowohl das Bewahren von Vergangenem in der Gegenwart als auch den Prozess des Übermittelns. Dabei wandelt sich Tradition je nach dem, was als bewahrungswürdig empfunden wird. Sichtbar wird Tradition durch Rituale und Symbole, aber auch als Bezug zu vergangenen Ereignissen und Persönlichkeiten, denen ein Vorbildcharakter zugeschrieben wird. Diese sichtbaren Aspekte verkörpern ein Bündel an Tugenden und Werten, die durch historische Erfahrungen geformt und definiert werden, und somit die Identität und den inneren Zusammenhalt dieser sozialen Gruppe prägen.
Die Kriegsniederlage im Jahre 1945 führte in Japan zu Demilitarisierungs- und Demokratisierungsmaßnahmen der Alliierten. Diese politischen Transformationsprozesse ließen aus einer autoritären, militaristischen Diktatur eine westlich geprägte, parlamentarische Demokratie werden. Mit der   Wiederbewaffnung entstand für die Regierung Yoshida die historische Gelegenheit, eine Neugestaltung der zivil-militärischen Beziehungen vorzunehmen, ohne dass sie, zumindest theoretisch, auf die Interessen und Belange einer bestehenden, waffentragenden Organisation hätten Rücksicht nehmen müssen. In der Praxis jedoch wurden in diese neugeschaffenen Selbstverteidigungsstreitkräfte ehemalige Offiziere des zuvor aufgelösten Kaiserlichen Militärs übernommen. Diese hatten ihre militärische Sozialisation während des Krieges nicht nur in Militärakademien, sondern auch auf dem Schlachtfeld erfahren. Nun prägten diese Soldaten durch ihre Anwesenheit und Mitarbeit in der Aufbauphase der SDF in hohem Maße die militärische Tradition der SDF. In meinem Forschungsvorhaben möchte ich mich auf die Gruppe der ehemaligen Heeres-Offiziere der Kaiserlichen Armee konzentrieren, die während der Aufbauphase der SDF in höchsten Positionen Wiederverwendung fanden. Als Offiziere der Kaiserlichen Armee hielten die meisten zum Zeitpunkt des Kriegsendes den Dienstgrad Oberst inne und wurden häufig mit dem Eintritt in die GSDF zu Generälen ernannt.
Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit militärischer Tradition lassen sich drei Betrachtungsebenen festmachen. Diese betreffen die Auswahl der als bewahrungswürdig empfundenen Aspekte der Vergangenheit, die Praxis der Traditionsvermittlung und der Frage nach dem funktionalen Aspekt, d.h. der Wirkung der Tradition. Diese Arbeit wird sich mit dem ersten Aspekt befassen und danach fragen, welche Aspekte der Kaiserlichen Armee als traditionsfähig und –würdig empfunden wurden. Welcher General wurde aus welchen Gründen als Vorbild verstanden? Welche Leistungen im Einsatz galten als nachahmenswerter Ausdruck soldatischer Haltung? Welche Tugenden, welche Werte hatten trotz Niederlage noch Bestand? Aber auch das Geschichtsverständnis der Offiziere interessiert: Wie wurde die Rolle des Militärs im Vorkriegsjapan bewertet? Wie wurden historische Ereignisse, wie der Mandschurische Zwischenfall, Nanking, Pearl Harbor oder die Atombomben-abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki bewertet? Und wie Kriegsverbrechen und das Tokyoter Tribunal? Zusammenfassend gefragt: Wie sahen die Narrativen der wieder-verwendeten ehemaligen Offiziere aus? Natürlich spielt auch die Bewertung des neuen demokratischen Systems und die Unterordnung der SDF unter die zivile Kontrolle eine Rolle. Wie werden demokratische Grundwerte und Wertvorstellungen beurteilt? Welche Anforderungen werden an junge SDF-Mitglieder formuliert? Welche Elemente sollte deren Erziehung umfassen? Letztlich geht es um die Frage: Woraus rekurriert sich die Tradition der GSDF in den Anfangsjahren und was sagt dies aus über Akzeptanz oder Ablehnung bürgerlich-demokratischer Werte und somit über Beharrungsvermögen und Wandlungsfähigkeit der untersuchten Offiziere aus?

[1] Die Selbstverteidigungsstreitkräfte heißen auf Japanisch jieitai und auf Englisch Self-Defense Forces (SDF). Sie bestehen aus den drei Teilstreitkräften Heer (Ground Self-Defense Force, GSDF), Luftwaffe (Air Self-Defense Force, ASDF) und Marine (Maritime Self-Defense Force, MSDF).

Publikationen

"A Usable Past? Historical Museums of the Self-Defense Forces and the Construction of Continuities" in: Saaler, Sven and Schwentker, Wolfgang (Eds.): The Power of Memory in Modern Japan, Folkestone, Global Oriental 2008

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