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Forschungskonzept

Manfred Hettling, Tino Schölz

Das Internationale Graduiertenkolleg fragt in einem vergleichenden und interdisziplinären Zugriff, wie und unter welchen Bedingungen sich in Deutschland seit dem 18. und in Japan seit dem 19. Jahrhundert Strukturen und Handlungsmuster von „Bürgergesellschaft“ herausgebildet und gewandelt haben. Dabei sind vor allem folgende drei Perspektiven bestimmend:

  • Erstens: Für außereuropäische Vergleichskonstellationen ist Japan „unter allen nicht-westlichen Gesellschaften […] der am besten geeignete, für manche Zwecke sogar der einzig mögliche Kandidat“ (J. Osterhammel). Der deutsch-japanische Vergleich ist dabei besonders fruchtbar, da beide Länder in ihrer historischen Entwicklung weitreichende Parallelitäten aufweisen, aber dennoch zu grundlegend unterschiedlichen Kulturkreisen gehören. Sowohl die Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert sowie die parallelen Gegenbewegungen zur Demokratie und Bürgergesellschaft vor 1945 als auch die unterschiedlich geprägte Etablierung von Bürgergesellschaft nach 1945 lassen sich als analoge Entwicklungen innerhalb unterschiedlich strukturierter Pfade und Kulturen analysieren. Zudem lassen sich deutsche Entwicklungen mit außereuropäischen Phänomenen vergleichen, ohne hierbei – wie etwa im Falle Indiens – eine (post)koloniale Überformung der gesellschaftlichen Entwicklungen in Rechnung stellen zu müssen. Auch wenn der kontrastive Vergleich zwischen Deutschland und Japan im Vordergrund steht, der die jeweiligen nationalen Entwicklungswege analysiert, verdient zugleich auch die Bedingtheit dieser Entwicklungswege durch die Rezeption und Aneignung von „travelling cultures“ (Aufklärung, Diskurse und Praktiken der Modernisierung, Deutung von Konzepten wie Staatsbürgergesellschaft oder bürgerschaftliches Engagement usw.) besondere Aufmerksamkeit.
  • Zweitens: Die Perspektive des Formwandels zielt auf die Analyse dieser national unterschiedlich strukturierten Entwicklungspfade von Bürgergesellschaft. Damit wird das Augenmerk zum einen auf die Prozesshaftigkeit von Erscheinungen, zum anderen auf die differenten historischen, politisch-sozialen und kulturellen Bedingungen und Konstellationen für die spezifischen Entwicklungspfade von Bürgergesellschaft gerichtet.
  • Drittens: „Bürgergesellschaft" als analytisches Konzept verbindet interdisziplinär historische und sozialwissenschaftliche Zugriffe. Ausgangspunkte hierfür sind erstens die in Deutschland historisch weit zurückreichende Entwicklung des Begriffs und zweitens ein Verständnis von Bürgergesellschaft als einem analytischen Konzept, welches an die breite internationale – und nota bene auch japanische – Diskussion zur Zivilgesellschaft bzw. civil society anschließt. Hierdurch bietet sich die Möglichkeit, historische und sozialwissenschaftliche Kategorien und Erkenntnisse mit aktuellen politischen und publizistischen Debatten über Bürgergesellschaft in Deutschland wie Japan zu verbinden. Um die sehr heterogenen und auch konträren konzeptionellen Bestimmungen von Bürgergesellschaft und Zivilgesellschaft für den Arbeitszusammenhang im Kolleg zu operationalisieren, erfolgt eine Anlehnung an theoretische Überlegungen von historischer (J. Kocka) und sozialwissenschaftlicher (R. Dahrendorf) Seite. Für die Bestimmung des Konzeptes „Bürgergesellschaft“ werden dabei drei Elemente als konstitutiv betrachtet, nämlich erstens die Pluralität von Akteuren und Formen, zweitens die Autonomie von Organisationen sowie drittens ein eigenes Verhaltensmodell und spezifische Wertorientierungen.

Auf der Grundlage dieses analytischen Verständnisses bringt die komplexe Spiegelung, die in der deutsch-japanischen Vergleichskonstellation angelegt ist, konstruktive Anregungen für die Forschungen zu beiden Ländern. Zwei Intentionen liegen dabei der Konzeption des Forschungsprogrammes zu Grunde. Erstens das Ziel, die jeweiligen Begrenzungen von einerseits historischen und andererseits sozialwissenschaftlichen Forschungen zur „Bürgergesellschaft“ zu überwinden und mit dem Leitbegriff des „Formwandels“ historische Entwicklungsbestimmungen und Gegenwartsanalysen miteinander zu verbinden und hierdurch sowohl die Untersuchung von spezifischen Pfadabhängigkeiten und Kontinuitätslinien als auch die Erklärung von Strukturumbrüchen anzuregen. Diese Längsschnittperspektive, welche mit einer Historisierung der Problemstellungen verbunden ist, aber auch vergangene Konstellationen in gegenwartsrelevante Bezüge stellt, ist für beide Seiten fruchtbar. Zweitens dient „Bürgergesellschaft“ als tertium comparationis im Vergleich zwischen Deutschland und Japan und ermöglicht eine Forschungskonstellation, bei der äußerst heterogene historische und kulturelle Rahmenbedingungen mit außergewöhnlich analogen Konstellationen und Entwicklungsphasen zusammentreffen und in ihrer bedingenden aber auch restringierenden Wirkung untersucht werden sollen.

Grundsätzlich stellt sich dabei die Aufgabe, das Leitthema „Bürgergesellschaft“ so zu konzipieren, dass analytisch vergleichend gearbeitet werden kann und dass das am westlichen Beispiel entwickelte Konzept im deutsch-japanischen Vergleich nicht implizit maßstabsetzend wirkt. In der Debatte über Bürgergesellschaft und Zivilgesellschaft hat es sich inzwischen eingebürgert, zwei unterschiedliche Umschreibungen zu verwenden. Zum einen ein bereichslogisches Verständnis, welches Zivilgesellschaft als Raum bzw. als Sphäre zwischen anderen definiert und damit von Staat, Markt und dem Privatbereich unterscheidet. Bürgergesellschaft wird in diesem Verständnis – dann meist auch unter dem Begriff Zivilgesellschaft – als jene Vielfalt von Vereinen, Zirkeln und Initiativen verstanden, die selbstorganisiert neben und außerhalb der staatlichen Sphäre bestehen und weder dem Markt noch der Privatsphäre zuzurechnen sind. Ein erheblicher Teil der sozialwissenschaftlichen Forschung zur Zivilgesellschaft hat diese „Assoziation der Assoziationen“ (Michael Walzer) dann in ihrer Funktion im Rahmen der liberalen Demokratie untersucht. Daneben steht ein handlungslogischer Zugriff, welcher spezifische Typen sozialen Handelns beschreibt. Hier verweist der Begriff „Bürgergesellschaft“ auf eine Gesellschaft, in welcher die einzelnen Subjekte ihre politischen und sozialen Anliegen durch autonomes und in seinen Formen vielfältiges Handeln öffentlich vertreten – wodurch freilich auch die rechtlichen, politischen und sozialen Voraussetzungen für ein solches Handeln im langen historischen Bogen in den Blick geraten. Bürgergesellschaftliches Handeln ist dabei gebunden an Institutionalisierungen, die mehr oder weniger formalisiert, rechtlich kodifiziert, normativ überhöht etc. sein können. Bürgergesellschaft unterscheidet sich:

  • erstens von Herrschaft als Ordnung: dort ist Handeln nach Befehl und Gehorsam strukturiert. Diese Unterscheidung ist präziser als eine bloße Gegenüberstellung zum Staat. Der eigentliche Gegenpart zur Bürgergesellschaft ist folglich die autoritäre bzw. militarisierte oder totalitäre Staatsgewalt.
  • Zweitens unterscheidet sich Bürgergesellschaft von allen Heilsordnungen religiöser (und säkularer) Provenienz. Dort stiftet Glauben Gemeinschaft – und nicht Öffentlichkeit, nicht Vereinbarung, nicht das Wechselspiel von Kritik und argumentativer Konkurrenz.
  • Drittens ist bürgergesellschaftliches Handeln verschieden von marktbezogenem Handeln, welches primär gewinnorientiert ist und nach Konkurrenz um Tauschchancen strukturiert ist.
  • Viertens besteht eine grundlegende Differenz zu Handlungsformen, die sich an verwandtschaftlichen Beziehungen orientieren und diese im Konfliktfall anderen Kriterien bei der Verhaltensausrichtung vorziehen.


Die Bedingungen für bürgergesellschaftliches Handeln wiederum lassen sich auf vier Ebenen unterscheiden:

- politisch-rechtlich: Für den Bürgerbegriff ist die Sphäre politischer Herrschaft und rechtlicher Fixierung zentral. Der Bürgerstatus definiert sich nicht in einer Befreiung von staatlicher Regulierung, sondern ist die „bürgerliche Grundlegung des Staates“. Insofern sind staatlich geschützte Bürgerrechte und staatlich regulierte Handlungsspielräume ebenso wie politische Partizipationsrechte in ihren historisch durchaus divergenten Ausprägungen konstitutiv für jede Form von Bürgergesellschaft.

- organisatorisch: Innerhalb der durch das Recht gesetzten und institutionalisierten Formen der Teilhabe am Gemeinwesen bestehen Möglichkeiten für den freiwilligen und selbstorganisierten Zusammenschluss. Diese Assoziationen binden die einzelnen Bürger zusammen, sie sind vielfältig differenziert, sind autonom und pluralistisch und stehen in unterschiedlichen Regulierungsverhältnissen zu staatlichen Vorgaben.

- personell: Der Rechtsstatus ist nur eine notwendige, indes keine hinreichende Voraussetzung für Handeln in der Bürgergesellschaft. Die Aktivität des einzelnen basiert tendenziell auf Ressourcen materieller (Einkommen, Abkömmlichkeit, Zeit), kultureller (Wissen) und sozialer (Vernetzungen) Art.

- ideell: Bürgerschaftliches Handeln ist auch gebunden an die intentionale Bereitschaft, freiwillig für Ziele des Gemeinwesens tätig zu werden. Was in der deutschen Diskussion seit 1800 unter dem Neologismus „Gemeinsinn“ und in der japanischen Diskussion seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter den Begriffen „kōkyō-shin“ und „kōtoku-shin“ zusammengefasst wird, verweist auf eine motivationale Disposition, die standes- und klassenspezifische Handlungsmotivationen übergreift und in allen Definitionen von Bürgergesellschaft Erwähnung findet.

Mit einem derartig analytisch differenzierten – und nicht normativ aufgeladenen – Konzept ist sowohl eine vergleichende Untersuchung von gemeinsamen Erscheinungsformen von Bürgergesellschaft als auch gerade von unterschiedlichen Handlungsformen möglich. Das gemeinsame Ziel der Arbeit des Kollegs besteht demnach darin, sowohl Wandlungen im zeitlichen Ablauf zu untersuchen als auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und Japan zu bestimmen.

Einerseits geraten dadurch, gerade im japanischen Beispiel, aber auch beim Blick auf die deutsche Entwicklung, einzelne Elemente in den Fokus der Forschung, die bis dahin nicht unter der Perspektive „Bürgergesellschaft“ untersucht worden sind. Selbstorganisation im Verein etwa, das paradigmatischer Beispiel im europäischen Kontext, hat in Japan vielfach Funktionsäquivalente im Rahmen von Nachbarschaftsvereinigungen, findet dort aber bisher – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Berücksichtigung. Andererseits können dadurch graduelle Veränderungen ebenso analysiert werden wie tiefgreifende Transformationen, etwa die Entstehung neuer Handlungsformen, die Verbreiterung des Kreises von Partizipierenden, eine Verschiebung der jeweils Handeln begünstigenden Ressourcen. Damit kann historisierend untersucht werden, in welchem Maße Bereiche des Gemeinwesens und des öffentlichen Lebens durch bürgerschaftliches Handeln mitgestaltet oder geprägt wurden bzw. werden und was an aktuellen Tendenzen und Erscheinungen neu ist oder als Modifikation vergangener Elemente zu deuten wäre.

„Formwandel“ der Bürgergesellschaft bemisst sich dabei weder in einer quantitativ ermittelbaren Zu- oder Abnahme von Vereinigungen noch in einem typologischen Wandel (etwa von konventionellen zu unkonventionellen Partizipationsformen). Vielmehr gehen wir davon aus, dass für eine Analyse des Formwandels unterschiedliche Handlungsbedingungen und -dimensionen zu trennen und in Längsschnittanalysen zu vergleichen sind. Der Blick richtet sich dabei erstens auf die Akteure – welche Voraussetzungen begünstigen bürgergesellschaftliches Handeln, in welchen gesellschaftlichen Gruppen sind diese Ressourcen verfügbar? Zweitens kann zwischen etatistischen und partizipatorischen Regulierungsformen und ihrer Relation in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen unterschieden werden. Drittens sind die Handlungsformen zu untersuchen (wozu etwa auch die Fragen von Professionalisierung versus Ehrenamt gehören); und viertens ist die Frage nach transnationalen Handlungsbezügen und deren möglichen Rückwirkungen auf die nationalen Bürgergesellschaften zu stellen.

Die Bearbeitung der Fragestellung des Kollegs erfolgt in fünf Forschungsschwerpunkten (s.u.).

1.    Semantik der Bürgergesellschaft / Begriffsgeschichte.

2.    Akteure und Selbstorganisation.

3.    Bürger-Staat-Beziehungen.

4.    Bürgergesellschaft in transnationalen Bezügen.

5.    Gegenentwürfe zur Bürgergesellschaft.

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